Manfred Stahnke:
Der Untergang des Hauses Usher" - nach E. A. Poe
Inhalt:
Usher haust mit seiner zeitweise dem Starrkrampf verfallenen Schwester Madeline
in dem alten Familienschloss, in dem einst getanzt und gelacht wurde. Madeline
singt von der alten Zeit. Sie beschwört die toten Seelen der Ahnen herauf,
die noch einmal einen Reigen um Usher tanzen. Für ihn wird daraus ein
Höllentanz. Er vernimmt in seiner krankhaften "Schärfung der Sinne"
nur noch ein endloses Höllengelächter. Der Arzt vermag ihn zunächst
mit einer Spritze zu beruhigen. Aus dem stetig wachsenden Horror (den Madeline
noch schürt, indem sie von der Gefühlsfähigkeit der Steine
des Hauses Usher und der sich verdichtenden Atmosphäre singt) versucht
er durch das rituelle Einsargen der Schwester zu entfliehen.
Ein Freund, den Usher zur Besänftigung seiner Angst eingeladen hat,
muss ihm helfen. Der Freund sieht entsetzt noch ein Lächeln auf Madelines
Gesicht, das Usher als das "schreckliche Grinsen im Tod" interpretiert. Alsbald
vernimmt Usher jedoch kratzende Geräusche aus dem Sarg. Seine Angst
wird zur nackten Hysterie. Er sucht Zuflucht in Beschwörungsformeln
der Schwarzen Magie. Der Freund möchte ihn mit einer alten Heldenerzählung
ablenken, deren Geschehnisse jedoch seltsam mit Madelines Geräuschen
und Schreien im Sarg zusammenfallen. Auf dem Höhepunkt der Raserei Ushers
und der Gegenbemühungen des Freundes drückt Madeline den Sargdeckel
auf, steigt aus dem Sarg und zieht Usher unter wilden Anfeuerungsrufen des
„Chors der Steine“ zu Boden. Der Freund flieht. Der Chor der Steine fällt
über den Geschwistern zusammen.
Zwei Kritiken:
Rolf Gaska: "Von Liebe und Schwarzer Magie"
(Kieler Nachrichten)
Religion, so hört man, gewinnt in unserer wissenschaftsgläubigen
Welt plötzlich magische Anziehungskraft ... Stahnkes Bühnenwerk,
das Joachim Klaiber genüsslich-ironisch mit den Ingredenzien eines abgründigen
schwarzen Humors inszeniert hat, ist eigentlich eine "Schwarze Messe", ja
es enthält sogar klingende Hinweise auf eine "Hohe Messe", so dass es
nicht unlogisch erscheint, wenn Mitglieder des Sankt-Nikolai-Chors gleichsam
als Gefallene-Engel-Chor auftreten, leichenfarben auf Gräbern lagern
oder aber den Inzest zweier Satansbraten mit wild meckerndem "Mehr" und "Weiter"
anfeuern.
Das Stück, die Musik, die Inszenierung - alles zusammen illuminiert
die Stimmung im Usher-Haus, wo der Schlaf der Vernunft Monstren gebiert.
Statt seine Figuren - den verrückten Usher und die schizophrene Madeline
- individualpsychologisch zu deuten, sucht Stahnke nach musikalischem Ausdruck
für das uralte Phänomen "Melancholie", das bei Poe aus der steten
Gegenwart von Grausen und Schrecken hervorgeht. Die Suche führt den
Komponisten zu illustrativen Figurationen, zu Tonsymbolen, in denen sich
Bewusstseinszustände darstellen, die sonst im Vagen und Halbgefühlten
bleiben. Dabei helfen nicht zuletzt Mikrotöne und Mikro-Akkordrückungen,
die Stahnke - wie er sagt - dem Amerikaner Harry Partch verdankt. Dabei hilft
auch so Einfaches wie die Nachbildung des Herzschlags. Eine Geschichte erzählt
die Oper nicht, wohl aber eine Entwicklung: die Eskalation des Wahnsinns,
dies in den makabren Bildern einer satanischen Religion. Die Dämonenbeschwörung
ist so suggestiv, dass man die plötzliche Epifanie des Leibhaftigen
einen Augenblick durchaus für möglich halten könnte, wäre
man nicht im Theater ... Was die Oper auszeichnet und sie annehmbar macht,
ist eine Abkehr von der bloßen Zitatentravestie und vom überkandidelten
Experiment, das nur noch sich selbst probiert.
Lutz Lesle: "In der Alchimistenküche"
(Stuttgarter Zeitung/Die Welt)
Man schreibt wieder Oper. "Wir alle wissen", erwägt der 29jährige
Ligeti-Schüler und Boulez-Promovent Manfred Stahnke im Kieler Opernheft,
"dass es einmal hieß, die Oper sei tot. Und wirklich geht es eigentlich
nicht mehr, nach Kagel noch eine Geschichte zu veropern mit all dem Liebe-Leid-Lustigkeit-Brimborium.
Trotzdem benutzen wir jenes alte Instrument Opernbühne. Gibt es nicht
vielleicht doch noch ungewohnte Töne her mit fremdartiger Seele?"
Solche Töne hat Stahnke in seiner Alchimistenküche auskristallisiert,
weil er sie für den "Untergang des Hauses Usher" brauchte, dessen literarischen
Vorwurf er im Erzählwerk E. A. Poes fand. Töne, die der starrkrampfartigen
Übersteigerung der sinnlichen Wahrnehmungskräfte, von denen Usher
heimgesucht wird, und dem von ihm inszenierten inzestuösen Liebesritual
Klangchiffren des Okkulten zuspielen: von der "wohltemperierten" Stimmung
abweichende, akustisch reine Terzschichtungen, eine gleichmäßig
fünfgeteilte Oktave, ein zwölfgeteilter Chor, der sich auf eine
Art "mitteltönige" Stimmung einstellen muss. "Neuartiges selbst reizt
heute nicht mehr", sagt Stahnke, "wenn es nicht Menschliches ausdrückt."
In der schwarzhumorigen Szene, die der Komponist aus Poes Erzählung
herausdestillierte, geht es allerdings weniger um Menschliches als um Übermenschliches
- oder um Übersinnliches, das aus archaischen (oder archetypischen)
Grüften der Seele aufzuckt. Usher (Richard Salter) und Madeline (Geeske
Hof-Helmers) sind das selig-unselige Geschwisterpaar, in dem sich Wälsungenblut
rührt - freilich ohne Erhabenheitsdünkel, vielmehr satanisch getrieben.
Unter grotesken Verrenkungen des kleinen Kammerensembles vernagelt Usher
seine scheintote Schwester im Sarg, der ihm gleich als Altar dient, auf dem
er ihr eine Schwarze Messe liest, bis sie Klopfzeichen gibt und als barbusiger
Nachtmar ihrem Gruftgefängnis entsteigt...
Der Komponist, der auch sein eigener "Texteinrichter" ist, verschmäht
die musiktheatralische Nacherzählung, reflektiert vielmehr das makabre,
grenzüberschreitende Milieu mit musikalischen Mitteln.