Wider die Starrheit
Das "Hörendenken" des Manfred Stahnke
von Peter Niklas Wilson
Er ist einer der Stillen in einer Szene, der es an begabten Selbstdarstellern
nicht ermangelt. Keine Compactdiscs mit eigenen Werken (nur zwei Stücke
auf Donaueschinger Dokumentationen), kein Tross eingearbeiteter publizistischer
Kommentatoren, kein etablierter Verlag, der für ihn bei Redaktionen,
Ensembles und Veranstaltern antichambrierte. Er schreibt für überregional
namenlose Musiker und Ensembles in seiner Nähe ebenso gern wie für
das SWR-Orchester oder das Ensemble Modern. Manfred Stahnke - eine Erscheinung
aus der norddeutschen Provinz? So mag es scheinen. Doch beschäftigt
man sich ernsthaft mit dem Thema der kompositorischen Reflexion von Multikulturalität,
oder aber mit neuen Möglichkeiten harmonischer und melodischer Gestaltbildung,
so kommt man an dem gar nicht so kleinen OEuvre des Hamburger Komponisten
schwerlich vorbei, sind doch hier einige der originellsten und substantiellsten
Positionen zu diesen Punkten festgeschrieben. Wer also ist dieser unbekannte
Bekannte, jener Komponist, dessen Namen man "irgendwo" einmal gehört
hat, doch zumeist, ohne seine Musik wirklich zu kennen?
Einen Romantiker wider willen könnte man ihn nennen. "Ich möchte
das neunzehnte Jahrhundert umschiffen", verkündet er als Credo: Links
liegen lassen also den schweren abendländischen Ballast des perfekt
konstruierten "Meisterwerks", den Perfektionswahn in Konstruktion und Interpretation,
die festgefügten Grenzen zwischen Komponist, Ausführenden, Hörern.
Doch was wäre romantischer als Stahnkes oft bekundete Sehnsucht nach
einer "ungebauten Musik", nach dem "Unverstellten" jenseits von Markt und
Szene, nach "einer Musik, die auf der Straße passiert"? "Street Music"
heißt ein Zyklus jüngerer Stücke, und man kann sich ihr zerbrechliches
Filigran dann doch besser in einem Kammermusiksaal als in einer akustisch
"schizophonen" (um es mit R. Murray Schafer zu sagen) Fußgängerzone
vorstellen. Andererseits: Ist die Musik des südafrikanischen Mbira-Spielers
Dumisani Mabaso, den Manfred Stahnke bei seinem Tagwerk als Straßenmusiker
auf den belebten Plätzen der Hamburger Innenstadt kennen- und schätzenlernte
(und dem er einen Satz seines "Harbor Town Love at Millenium's End"-Trios
widmete), nicht ebenso rhythmisch hochdifferenziert?
Die Spontaneität und Flexibilität mündlich tradierter Musik
und die unerbittliche Präzision des digitalen Gedächtnisses, die
feinen rhythmischen Driftprozesse der traditionellen Musik Polynesiens und
Mikronesiens und die rigide Notations- und Interpretationskultur westlicher
Konzertmusik, die rhythmischen Verwirrspiele der spätmittelalterlichen
Ars subtilior und die subtilen Rhythmuszyklen der Panflötenensembles
der Hochanden - in Manfred Stahnkes Musik trifft scheinbar Unvereinbares
und kategorial Verschiedenes aufeinander. Doch Zusammentreffen nicht im Sinn
von Collage oder kontrastierendem Schock, sondern als fein gewebtes Beziehungsnetz,
das Knotenpunkte zwischen völlig separaten musikalischen Welten knüpft.
Und als gemeinsamen Nenner hinter soviel auf den ersten Blick Inkompatiblem
entdeckt man allmählich die alles verbindende Utopie, der westlichen
Konzertmusik ein wenig von der Spontaneität, Flexibilität und Interaktion
zurückzugewinnen, die sie in einem jahrhundertelangen Prozess von musikalischer
Arbeitsteilung und struktureller Abstraktion eingebüßt hat.
Puls und Flexibilität, Freiheit und Verbindlichkeit
"Ich möchte versuchen - das ist eines meiner großen Ziele-, die
Freiheit, die ich bei den großen Jazz-Improvisatoren höre, im
Notentext zu fixieren. Nicht, dass ich Jazz mache, aber die Idee. Diese Nicht-Starrheit.
Weder die Starrheit der Avantgarde-Musik noch die der neoromantischen Musik
oder der Musik, die auf barocke Muster zurückgeht, in der es einen Puls
gibt. Ich möchte eine Zwischenwelt finden, wo der Puls gefühlt
wird, aber nicht manifest wird für den Hörer."
Und auf der Suche nach dieser "Zwischenwelt" erwiesen sich die Lösungen
zur musikalischen Gestaltbildung, die Kulturen außerhalb Europas fanden,
als inspirierende Wegweiser. Doch die bloße Imitation des Fremden ist
uns verwehrt, wie Manfred Stahnke wohl weiß - nicht nur aus moralischen
Erwägungen, sondern auch, weil er seine europäische Prägung
gar nicht verleugnen will, und nicht zuletzt aus musikpraktischen Gründen.
"Ich habe mich sehr viel mit nicht-europäischer Musik beschäftigt.
Was ich gelernt habe an dieser Musik, ist der ungeheure innere Reichtum an
Mikrostrukturen, nicht nur in den Tonhöhen, also in dem, was wir Mikrotöne
nennen könnten, sondern auch in der Mikrorhythmik, der Mikro-Zeitgestaltung.
Das liegt einfach daran, dass viele dieser Kulturen keine Notierung ihrer
Musik kennen und aufgrund dieses Nichtvorhandenseins von visueller Fixierung
eine Flexibilität haben, ein Gestalten im Moment. Das betrifft die Südsee,
die ich sehr liebe, genauso wie Afrika und Südamerika, die Musik der
Hohen Anden. Ich lerne von dieser Musik. Wenn wir als Europäer etwas
Derartiges nachmachen - diese Flexibilität der Mikrostruktur -, dann
haben wir große Schwierigkeiten. Wir würden, wenn ich das nicht
notiere als Komponist, in Muster kommen, die wir als Europäer kennen
- das wäre vielleicht Jazz-Improvisation, das wären vielleicht
improvisatorische Muster aus der Avantgarde. Aber es wäre niemals das,
was ich eigentlich möchte. Ich möchte, dass eine Orientierung auf
einfache Zahlenverhältnisse in der Metrik tatsächlich stattfindet,
dass aber diese Pulse nie ganz genau erfüllt werden. Dass eine Oktave
also nicht zwei zu eins ist, sondern 2,001 zu eins - und auch diese feinen
Unterschiede in der Rhythmik. Dem europäischen Musiker die Suggestion
zu geben, Derartiges zu spielen, das können wir eigentlich nur erreichen
durch ein sehr konkretes, ganz spezifisch aussehendes Notenbild. Das ist
die Schizophrenie, in der ich stecke. Ich möchte diese Freiheit der
Mikrostruktur, aber ich möchte nicht die Freiheit, die sich der Spieler
sucht. Ich möchte schon meine ganz konkrete Vorstellung verwirklichen."
Die Paradoxie des Unterfangens liegt auf der Hand. Die befreienden Unschärfen
nicht-verschrifteter Musik gewinnen, und doch die Verbindlichkeit der Partitur
wahren - ein Spagat, der kaum zu bewältigen ist. Doch allein der Versuch
generiert eine eigene Qualität. Gewiss bleibt Manfred Stahnkes Musik
bei all ihrer Suche nach dem Anderen "Konzertmusik" im überlieferten
Sinn. Aber einen eigenen "Ton" hat sie zweifellos - ein Fremdkörper
im Kontext der Avantgarde, doch ebensowenig zu vereinnahmen für offen
retrospektive (oder gar reaktionäre) Positionen. Eher ist es so etwas
wie eine "dritte Musik" jenseits der Sicherheiten.
"Gewiss gehöre ich in diese Zeit, in der die Avantgarde als etwas Historisches
empfunden wird. Es geht mir nie darum - und das ist vielleicht ein Unterschied
zu gewissen postmodernen Strömungen, die ich sehe -, dass ich zeige,
woher eine Musik kommt, und dass ich eine Pluralität der Wahrnehmung
möchte. Wenn ich beispielsweise eine Quasi-Mittelalterwelt konstruiere,
die sich mit Elementen der Jazzimprovisation verbindet, möchte ich doch
etwas Drittes erzeugen. Wenn ich also in "Centonage" eine notierte Improvisation
zwischen Harfe und Synthesizer schaffe, dann geht es mir nicht darum, zu
suggerieren: Hört mal den Jazz hinein, liebe Hörer. Oder: Hört
die Südsee. Es ist nur so, dass ich nur auf diese Weise etwas finde,
was ich sagen möchte: diese Überantwortung an das Chaos. Mich reizt
diese Grenze, eine Struktur zu erzeugen, die zerfällt, die gerade eine
Struktur sein könnte, eine Gestalt, in die wir ein Wort, einen Satz,
eine Semantik, einen Sinn hineinhören könnten, der aber immer am
Zerfallen ist, oder am Noch-nicht-Entstehen. Mich reizt niemals eine Musik,
die eine Sentenz hat, die ganz klar sagt: Hier ist die Zukunft. Hier ist
die richtige Musik. Hier ist die Wahrheit. Mich reizt eine Kunst, die die
ganz große Frage hat, was Kunst sein könnte. Es ist eigentlich
ein rekursiver Prozess: Ich sage etwas, was etwas über die Möglichkeit
oder die Unmöglichkeit des Sprechens sagt."
Eines ist Manfred Stahnke, Kompositionsprofessor und Leiter des Instituts
für elektronische, mikrotonale und Computermusik (IMEC) an der Hamburger
Musikhochschule (ab 2004: Masterstudiengang Multimedia MMM), Mitbegründer
des Computermusik-Kollektivs "Music Media Lab" und Initiator des Komponistenensembles
"Chaosma" gewiss nicht: ein Technokrat, der die Vision nichtendenwollenden
kompositorischen Fortschritts dank der Segnungen der digitalen Wunderwelt
verkündet. Dann doch eher so etwas wie ein Träumer, der auf dem
Computerbildschirm das Mittelalter entdeckt, und auf dessen Weltkarte die
Anden nicht weit von den Admiralitätsinseln liegen.
Am Ende einer europäischen Musik
Stahnke, Jahrgang 1951, gehörte, gemeinsam mit zum Beispiel Hans-Christian
von Dadelsen, Babette Koblenz, Denys Bouliane, Hans-Peter Reutter, Mari Takano,
Benedict Mason, Sidney Corbett, Wolfgang von Schweinitz, Friedrich Jaecker,
Detlef Müller-Siemens, Unsuk Chin, Tamae Okatsu, Hubertus Dreyer, und
Xiao Yong Chen György Ligetis Hamburger Kompositionsklasse an. Das ästhetische
Klima in dieser Klasse war zweifellos fruchtbar für sein synkretistisches
Musikdenken, fruchtbar auch für eine kritische Haltung zu den Denkfiguren
der großen Namen der Nachkriegs-Avantgarde. Stahnkes Musikdenken und
-fühlen ist das eines bekennenden Post-Avantgardisten, eines sensiblen
Zeitgenossen, der, ohne jeden revanchistischen Impetus, die Tradition der
Neuen Musik in der Schönberg-Nachfolge doch als abgeschlossen, als kaum
mehr sinnvoll fortsetzbar begreift.
"Wir haben uns in der Ligeti-Klasse sicherlich seit Ende der siebziger Jahre
sehr intensiv mit uns zunächst fremdartigen Denkweisen beschäftigt.
Wir haben Analysen afrikanischer Musik gesucht, von Gerhard Kubik zunächst.
Wir haben dann auch Kontakt mit Simha Arom gehabt, der zentralafrikanische
Musik ganz präzise analysiert hatte. Viele von uns haben versucht, das
in ihre Kompositionen einzubauen - Hubertus Dreyer ebenso wie Mari Takano,
Hans-Peter Reutter und ich. Hans-Peter Reutter hat dann auch sehr den anderen
Strang verfolgt, nämlich die Analyse der mittelalterlichen Musik. Die
Ligeti-Gruppe war schon sehr auf der Suche nach anderen Dingen. Allgemein
haben wir das Gefühl gehabt - und haben es immer noch -, dass die europäische
Musik, wie sie sich in der Nachfolge Schönbergs entwickelt hat, an einem
Endpunkt angekommen ist."
Solches Endzeitdenken führt aber in Manfred Stahnkes Musik keineswegs
zu Fin-de-siècle-Schwermut oder bloß retrospektivem Zitieren
und Montieren historischer Fundstücke, sondern zu einer improvisatorischen,
ja spielerischen Neu-Sondierung des Klangmaterials. Neben neuen (wenn auch
von alten westlichen und nicht-westlichen Traditionen inspirierten) Möglichkeiten
von Polyrhythmik und Polytempik steht dabei die Flexibilisierung der Tonhöhe
im Mittelpunkt. Dabei gilt es freilich, sogleich ein naheliegendes Missverständnis
auszuräumen. Wenn Manfred Stahnke ausgiebig mit Mikrointervallen komponiert,
so ist er doch kein mikrotonaler Systemtheoretiker oder Reine-Stimmung-Naturphilosoph,
sondern eher ein verspielter Anarchist, einer, der eben nicht das temperiert
chromatische Raster durch ein neues, feineres ersetzen will, der keine Ontologie
naturgegebener Tonhöhen-Proportionen predigt, sondern den ganzen Reichtum
denkbarer Intervallabstufungen im "Hörendenken" (so einer seiner Lieblingsbegriffe)
und empirisch-intuitiv in der Improvisation mit Synthesizer und Computer
erkundet, tonale "Feldforschung" betreibt - im Doppelsinn: virtuelle Musikethnologie
mit dem Sequenzer-Programm, und Erforschung des Tons als Feld.
"Da habe ich sehr viel von Harry Partch gelernt. Ich habe ja in Amerika bei
seinem engen Mitarbeiter Ben Johnston studiert. Harry Partch hat ein System
aufgebaut, das reine Intervalle zur Grundlage hatte. Aber Harry Partch selbst
hat niemals eine "just intonation" praktiziert, sondern etwas, was man eine
"strange intonation" nennen könnte. Er hat in seinen Stücken eigentlich
immer diese große Unschärfe erreicht: dass ein Ton ein Feld ist.
Das ist etwas, was mich begeistert: dass wir zwar auch einmal reine Intervalle
haben - also andere Intervalle, als wir sie in unserer Temperierung haben
-, aber dass wir all die Zwischenmöglichkeiten, die dann noch, sagen
wir, zwischen einer Terz und einer Sekunde vorhanden sind, auch haben. Dass
wir den chaotischen Reichtum der Harmonik überhaupt erst einmal entdecken
müssen. Wir haben uns in Europa so sehr auf eine bestimmte harmonische
Welt fixiert, die Dreiklänge, die sich dann zu Vier- und Fünfklängen
weiterentwickelten, und schließlich zu sehr komplexen Gebilden bei
Schönberg, aber es waren immer Akkorde, die auf eine fixierte Tonwelt
hin gebaut waren. Das können wir jetzt einfach einmal anders machen.
Die Mikrotonalität, wie ich sie sehe, ist ein wunderbares Feld, ein
chaotisch schwammiges Gebilde, oder ein wässriges Gebilde. Und auf der
anderen Seite ist die Rhythmik, wenn man das einmal so macht, genauso infiziert
von diesem Wässrigen."
Dieses Feld-Denken mündet freilich, aller "Wässrigkeit" zum Trotz,
in Stahnkes Musik nach wie vor in Partituren, die äußerlich konventionell
anmuten - herkömmliche Notentexte in weitestgehend konventioneller Notenschrift,
mit eindeutig fixierten Formabläufen und überwiegend vertrauten
Spieltechniken. Haben Stahnkes Erfahrungen mit oral tradierten Musikkulturen,
seine vielfachen praktischen Vorstöße aufs Terrain der Improvisation
keine Spuren hinterlassen? Oberflächlich betrachtet nicht - doch subkutan,
davon ist Stahnke überzeugt, melden seine Kompositionen, die eben nicht
stringent "gebaut" sind, sondern eher intuitiv montiert, zuweilen auch direkt
mit Synthesizer und Computer er-improvisiert, doch Zweifel am Fetisch des
perfekt konstruierten Meisterwerks und am Primat der europäischen Notenschrift-Kultur
an.
Jenseits von Meisterwerk und Anti- Werk
"Ich muss einen Weg finden, k e i n Werk zu schreiben. Ich möchte
ja kein Werk schreiben, sondern ich möchte, dass diese Forschung, auch
dieses Unsicher-Sein, dieses Wankeln auf einem Weg, der gar nicht existiert,
bis zum Ende hörbar sind. Was ich mir gerade nicht vorstellen kann,
ist das wunderbar symmetrische Werk, wo alles sich aufeinander bezieht -
obwohl ich andererseits andere Komponisten, die das noch können, bewundere,
zum Beispiel Gérard Grisey. Ich möchte ein Bild machen, wo wir
uns quasi draußen befinden, und es kommen viele Menschen vorbei, viele
Ideen, und wir sprechen mit vielen. Ich bin nun allerdings ein sehr zurückhaltender
Mensch. Ich bin überhaupt keiner, der auf der Straße mit allen
spricht. Ich bin eher ein norddeutscher Tüftler, sehr zurückgezogen.
Doch möchte ich in einer Innenwelt daraus aussteigen. Ich baue keine
Welt, die in sich geschlossen ist."
Abschied also vom Meisterwerk, doch Abschied zugleich von seinem negativen
Abziehbild, dem Anti-Werk, das in seiner Negation immer auf seinen Antipoden
bezogen bleibt. Was bleibt? Die Suche nach einer neuen Art von Zusammenhang,
vielleicht einer Art "transversalen Vernunft" (Wolfgang Welsch) jenseits
konventioneller konstruktiver Logik. Stahnkes Kompositionen meiden die große
Geste, setzen auf das melodische, rhythmische, texturale Filigran, und sie
müssen den Vorwurf auf sich nehmen, "Stückwerke" zu sein, Ensembles
von Klang-Momenten, deren Zusammenhang eher in Gedanken-Spuren mit jähen
Sprüngen und erratischen Windungen zu finden ist als in der "schlüssigen"
Konstruktion, die das Kleinste wie das Größte auf eine gemeinsame
strukturelle Idee bezieht. Wenn sie ein untergründiges "Programm" haben,
dann wohl dieses: Die Neugewinnung von Gestalt, von melodischer und rhythmischer
Kontur zu versuchen (und diese Konturen gleich wieder zu verwischen). Die
Neugewinnung auch von Pluralität, jenseits der Enge geschlossener Systeme,
jenseits aber auch des bloßen Vorzeigens von Heterogenem, von Brüchen.
"Ich mache kein Anti-Werk. Ich halte auch das für eine obsolete Position.
Aber es gibt, sagen wir, Vögel, die sehr unterschiedliche Farben haben,
die sehr unterschiedlich singen. Und sie alle gehören letzten Endes
doch zusammen. Ich stelle mir also nicht ein Konglomerat von völlig
Disparatem vor. Sondern auf einer mir selbst unverständlichen Ebene
schießen all diese Dinge zusammen - egal, ob das Elemente sind, die
von den Admiralitätsinseln kommen oder aus Afrika, oder ob es mittelalterliche
europäische Musik ist oder auch Elemente aus der romantischen Musik.
Mir gefällt es sogar, Dinge zu sammeln, die auf eine mir unverständliche
Art eine Dualität haben. Zum Beispiel gibt es im dritten Satz von" Trace
des sorciers" (für Orchester) eine Melodie, wo sich dann Freunde bei
mir beschwert haben: "Das ist doch Strawinsky!" Dabei ist diese Melodie einer
Aufnahme aus Papua-Neuguinea nachempfunden. Ich habe solche Doppeldeutigkeiten
immer sehr gerne komponiert. Das geschieht auch auf der rein handwerklichen
Ebene. So kombiniere ich beispielsweise in " Trace des sorciers" PVC-Rohre
mit Tuba. Die PVC-Rohre habe ich vom Ensemble" From Scratch" aus Neuseeland
übernommen, die in der Tradition der pazifischen Stampfrohre PVC-Rohre
nehmen und sie mit Schuhsohlen schlagen. Aber dieses Sohlenschlagen klingt
so, als würde eine Tuba spielen, und ich kombiniere das dann. Solche
merkwürdigen Kombinationen suche ich, auf der rein klanglichen Ebene,
aber auch auf der ideellen: Papua kommt zusammen mit Strawinsky. (Die Strawinsky-Allusion
kommt daher, dass ich diese Flötenpolyphonie aus Papua-Neuguinea von
zwei sehr hohen Fagotten spielen lasse.)"
Auf fremden Spuren: Der europäische Komponist und die Musiken der Welt
Wer so offen mit klanglichen, texturalen, strukturellen Mustern anderer,
vornehmlich nicht-westlicher Kulturen operiert, betritt damit heute auch
ein kulturpolitisches Minenfeld. Heute, über drei Jahrzehnte nach Karlheinz
Stockhausens "Telemusik", die ihr Schöpfer unbekümmert als transkulturelle
"Musik aller Völker und Rassen" pries, heute, da postkolonialistische
Selbstkritik zum konditionierten Reflex des Europäers gehört, der
in Kontakt mit dem Fremden tritt, unterstellt man einem, der seine Affektion
durchs Andere so offen legt wie Manfred Stahnke, ein wohlüberlegtes
musikpolitisches Programm. Doch weit gefehlt.
"Es ist gar nicht mein Anliegen, zu sagen: Da ist eine wunderbare Musik auf
den Admiralitätsinseln, die sind genauso gut wie die Europäer.
Es geht nicht um ein Werten, es geht nicht um ein Weltumarmen. Ich könnte
fast sagen: Ich bin zu egoistisch. Ich möchte einfach Dinge finden,
die Menschen gefunden haben, gleich, in welcher Kultur. Es muss auch nicht
nur Musik sein; es können Bilder oder Gedanken sein. Zum Beispiel gibt
es wunderbare Sandzeichnungen in Südafrika, wo die Menschen mit den
Fingern ein sehr einfaches geometrisches Muster in den Sand tun und nach
einem bestimmten System Linien ziehen. Diese Linien sind sehr kompliziert.
Sie sind manchmal symmetrisch, aber in Afrika muss es nicht symmetrisch sein.
Das ist nur ein Beispiel für eine Begeisterung, die ich empfinde, wenn
da ein Ding in der Welt ist, das meinen Kopf anregt. Ist das nicht wunderbar,
dass da eine Welt für unseren Kopf ist? Unser Kopf hat ein bestimmtes
Empfindungsvermögen, und über die Zeiten und die Orte suchen all'
diese Menschen nach Dingen, um diesen Kopf zu begeistern. Und das sind ganz
unterschiedliche Dinge."
Beispiel "Trace des sorciers": Strawinsky trifft auf Papua-Neuguinea, die
Kaskaden des Regentraumsingens nordaustralischer Aborigines auf Chopinsche
Tastentexturen - der Vorwurf der kolonialen An-Eignung des Fremden, der kühl
de- und rekontextualisierenden "Auswertung" der musikethnologischen Beutestücke
ist bei solcher Montage kulturell, funktional völlig heterogener Klang-Trouvaillen
nicht aus der Luft gegriffen. Manfred Stahnke kennt ihn gut genug. Und sieht
in ihm dann doch offenbar eher latente Abwehr des Anderen als genuine Besorgnis
um "amoralische" Praktiken westlicher Komponisten.
"Was machen wir denn anderes als hören, wie andere Musik gemacht haben,
und das imitieren, sammeln, konfrontieren? Wir können doch gar nicht
anders Musik machen. Wir können auch gar nicht anders sprechen, anders
denken, als indem wir das nehmen, was wir als um uns herum Gedachtes vorfinden
und durch den persönlichen Filter geben, und, wenn dann ein Glücksmoment
kommt, auf eine neuartige Weise, durch ein neues Licht wieder aus uns herausbringen.
Es gibt doch gar keine Eigenständigkeit. Das ist eine völlige Illusion.
Das war auch der ganz erstaunliche Fehler der fünfziger Jahre, zu denken,
dass wir alles neu machen können, dass wir die Stränge, die Spuren
abschneiden können. Wir sind in einer gesamten Spur. Für mich ist
es beispielsweise unendlich begeisternd, mit einem afrikanischen Trommler
zu arbeiten und seine Denkweise zu spüren. Ich sauge ihm ja nicht sein
Leben aus, wenn ich plötzlich spüre: Mensch, Dumisani Mabaso, was
du da machst, erinnert mich ungeheuer an eine mittelalterliche Haltung, nämlich:
ohne eine Form zu bauen, ständig zu variieren in einem steten Fluss
des Seins. Also eigentlich das, was im alten Europa noch möglich war
an Trance, an Sich-Abheben vom Alltag - das macht ihr in Afrika. Da ist eine
uralte Klammer, die die Menschen verbindet. Wir sollten das auch immer wieder
entdecken: dass wir in uns selbst Schalen bilden. Unsere Kultur ist eine
sehr komplexe Zwiebel, in der Uraltes, Magisches sich allmählich verschwistern
musste mit Wissenschaftlichem. Aber die Wissenschaft, so merken wir es ja
heute, ist nichts anderes als eine Umformung von Magie. Was wir haben, ist
also keinerlei 'Verbesserung'. Wir sind ein ganz bestimmter Typ Mensch, der
auf einer bestimmten Grundlage gleich und unveränderbar ist. Nur: Verschiedene
Kulturen haben sich verschiedene Blickwinkel geschaffen, aufgrund irgendwelcher
Prozesse, die vielleicht auch zufällig sind. Und es ist kein "Stehlen",
wenn wir zu einer Kultur gehen - ob es nun die pazifische ist oder die afrikanische
oder die von den Anden - und dort Dinge erleben, die wir eigentlich nicht
mehr haben."
Das andere Europa
Stichwort altes Europa. Sosehr Manfred Stahnke den noch immer virulenten
ästhetischen Eurozentrismus geißelt, der - Claus-Steffen Mahnkopfs
Streitschrift belegte es einmal wieder aufs Treffendste - die Alte Welt zum
Nabel der Welt, zur Quelle aller intellektuell diskutablen Musik deklariert,
so deutlich betont er zugleich, dass dieses einheitliche, strikt rationale
Europa ein Wunsch- oder Trugbild sei, das letztlich nur eines offenbare:
mangelndes Geschichtsbewusstsein. Stahnkes lebhaftes Interesse am späten
Mittelalter (das sich beispielsweise im Titel des Ensemblestücks "En
cet hybride tamps" artikulierte) hat dann auch nicht zuletzt mit der Erkenntnis
zu tun, dass es da einst ein Europa gab, das überaus weltoffen war -
und lernfähig.
"Zwei Aspekte zum Mittelalter: Das eine ist dieses Prinzip des Herumreisens,
der fahrenden Sänger, die aus verschiedensten Kulturen gesammelt haben:
Es kommt arabisches Gut hinein in die Provence-Gesangskunst, dieses wunderbare
Trillern, das die Ars subtilior aufzuschreiben versucht hat und das dann
in Zentraleuropa verloren ging. Dieser interkulturelle Austausch war im alten
Europa tatsächlich sehr stark. Denken wir an Kaiser Friedrich Il., der
in Sizilien residiert und das ganze arabische Wissen gesammelt hat. Dazu
kam das junge Christentum und die jüdische Kultur. Im alten Europa kamen
sehr viele Komponenten zusammen, die unsere Kultur eigentlich erst gebildet
haben - wir bilden uns jetzt nur ein, dass wir eine einheitliche Kultur haben.
Diese Offenheit hat das alte Europa bestimmt geprägt, das Reisen der
Mönche. Noch heute gibt es arabisches responsoriales Singen auf den
Hebriden.
Auf der anderen Seite hatte Europa ja auch diese archaische Kunst - wenn
wir an Hildegard von Bingens Lieder denken, die endlos sind, die ekstatisch
sind, alles das, was später durch das Aufschreiben von Kultur, durch
das Kodifizieren, ein wenig verloren ging. Dieses In-Trance-Geraten - das
hatte Europa ja auch noch."
Komposition, Improvisation und Schrift
Die konventionelle schriftliche Faktur der Partituren, die Stahnke in seinem
Selbstverlag vertreibt, mag darüber hinwegtäuschen, dass entscheidende
Teile des kompositorischen Aktes bei Manfred Stahnke nicht mehr im Medium
der Schrift erfolgen. Die Schrift ist zwar das Kommunikationsmittel, doch
oft genug nur das Sediment eines kreativen Prozesses, dessen entscheidende
Stufen im "Schreiben ins elektronische Feld" (um es mit Vilém Flusser,
einem von Stahnkes Hausphilosophen, zu sagen) geschehen. Tritt der Computer
in Manfred Stahnkes Musik auch kaum je bei der Aufführung in Erscheinung,
so ist er doch aus seiner kompositorischen Praxis kaum mehr wegzudenken.
"Ich habe mit diesen Maschinen einfach sehr viel erfahren können über
Intervalle, über Rhythmen. Ich habe mit meinem Sequenzerprogramm sehr
merkwürdige Rhythmen ausprobiert, um sie zunächst einmal zu imitieren
- etwa Musiken von den Hohen Anden. Wie es zum Beispiel sein kann, dass,
wenn ich drei Trommeln habe, zu einem völlig chaotischen Muster komme
und dann wieder heraus drifte aus diesem chaotischen Muster und in eine simple
Zwei-zu-eins-Rhythmik komme. Das konnte ich sehr einfach mit dem Computer
nachmachen. Ich baue viel nach. Ich benutze den Computer einfach zum Forschen.
Ich setze ihn kaum in Konzertstücken ein."
Aus der digitalen Re-Konstruktion, dem Nachbauen des Fremden, wird dann allerdings
früher oder später das Spiel, die intuitive, Plan-lose Klang-Arbeit,
in der die im Fremden erkannten Muster eher beiläufig aufscheinen, sich
mit anderen vermengen, herausgehörten oder selbst gefundenen. Das Er-improvisierte
landet in Stahnkes Zettelkasten, einer Sammlung mehr oder weniger ausformulierter
Klang-Ideen, deren Blätter sich dann irgendwann nach jener oben beschriebenen
Irr-Logik untergründiger Korrespondenzen neu kombinieren. Oder aber
es generiert gleich jenen Fluss, der dann kaum mehr als einer edierenden
Transkription bedarf.
"Wenn wir schreiben, sind wir gezwungen, in ausgetretene Pfade zu gehen.
Wenn wir schreiben, soll es irgendeinen Sinn ergeben. Es geht dann immer
um Symmetrien, um Entsprechungen, ganz im Beethovenschen Sinn. Aber Beethoven
ist ja nur ein Zwischenpunkt vom Mittelalter bis heute. Was die Mönche
machten, war ja eigentlich, ein göttliches Zahlenspiel auf Papier zu
bringen, alles in Proportionen zu denken. Davon möchte ich mich lösen,
aber das kann ich nicht ganz. Ich muss eine Gegenkomponente finden. Die "Street
Music 1" für Bassflöte und Steeldrums beispielsweise habe ich am
Computer improvisiert. Das ist eigentlich eine einstimmige Linie. Ich habe
mir als Vorgabe gesagt: Ich setze mich an den Synthesizer und spiele eine
einstimmige Linie, und die habe ich dann in einem Hoketus- Verfahren auf
zwei Instrumente verteilt. Das Stück klingt dann aber nicht wie eine
Melodie. Wenn ich zwei Instrumente habe, höre ich als Außenstehender
nach Klangfarben. Ich nehme sozusagen ein Wesen wahr: die Flöte, und
ein anderes: Steeldrum. Auch diese Spannung reizt mich. Ich könnte eine
Melodie verfolgen, wenn ich sie denn einmal kennen würde. Es gibt diese
Umschaltprozesse. Es ist fast wie eine optische Täuschung. Das ist ein
Beispiel eines Stücks, wo ursprünglich eine reine Improvisation
dasteht - die habe ich in meinem Sequenzerprogramm -, die dann klangfarblich
bearbeitet wird. Ich muss auch sagen, dass ich mitunter ein wenig die Töne
hin und her schiebe. Wenn ich plötzlich an einer Stelle merke: Das wäre
aber sehr merkwürdig, wenn ich da ein cis-Moll als Allusion bringe,
dass ich dann ein paar Tönchen verändere. Es ist wie ein Maler,
der zunächst mal ein Bild "dahingeschmiert" hat - Jackson Pollock und
dann zurücktritt und Retuschen vornimmt (was Jackson Pollock nicht gemacht
hat). Aber ich mache das."
Wer der Konstruktion so skeptisch gegenübersteht wie Manfred Stahnke,
baut auch nicht am "Gesamtwerk". Abgesehen von der spezifischen Haltung des
Stahnkeschen "Hörendenkens", die sich natürlich überall manifestiert,
bietet sein OEuvre wenig Kohärenzen, wirkt nicht "komponiert". Besetzungen,
Gattungen wechseln bunt, manches wirkt unfertig, skizzenhaft - Schreibübungen
aus dem Zettelkasten? -; große Werkzyklen fehlen; klein besetzte, eher
kurze Arbeiten überwiegen, vielfach noch in Miniatur-Sätze untergliedert;
es fehlen die imposant dimensionierten, ausladenden Stücke: Vielleicht,
weil der Europäer Stahnke dann doch intuitiv entscheidet, dass seine
Ästhetik der Bricolage aus Vorgefundenem im Breitwand-Format problematisch
wird (zumindest dann, wenn sie nicht, wie in Stahnkes Musiktheater-Arbeiten,
von einem außermusikalischen Erzählfaden gestützt wird).
Ansonsten: Stahnke wäre nicht er selbst, wenn er dieses Bunte, Patchworkartige,
Inkohärente seines Werkkatalogs nicht gerade begrüßen würde.
"Der Anlass des Komponierens ist eher, das in Frage zu stellen, was man einmal
gedacht hat. Komposition ist eigentlich immer Herausgehen aus dem, was man
einmal gemacht hat. Das kann auch dazu führen, dass man über lange
Strecken überhaupt nicht weiß, wohin man gehen soll. Das ist ein
natürlicher Prozess, der mir immer wieder unterkommt. Ich selbst habe
lange Pausen, in denen ich einfach sammle und wegschmeiße; meine Zettelkästen
sind dann voller Schrott, und an einem gewissen Punkt sehe ich: Nein, das
geht ja alles gar nicht. Man muss sozusagen immer wieder einen Berg von Unmöglichkeiten
überwinden. So kann ich eigentlich nur denken."
Alle Zitate stammen aus Gesprächen des Autors mit dem Komponisten.